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Klaus Schamberger – Mein Frankenbuch und Ich bitte um Milde

Klaus Schamberger – Mein Frankenbuch und Ich bitte um Milde

Buchtipp

Klaus Schamberger,

geboren ja, und zwar am 14. März 1942 zu Nürnberg in der Flurstraße. Aufgewachsen in Mögeldorf, zwischen Bengerz und Schmausenbuck. Tätigkeiten: Fußballn, Gaslatern’ auslöschen mit Kieselsteinen, Studium diverser Kartenspiele (Sechersechzg, Farb’nsammeln, Schafkopf), Bandengründung, Erlernen des Hundstrapp teils in der erwähnten Bengerz, teils im Ludwigskanal Schleuse 35, Schwarzfischen und so weiter und so weiter. Schulische Laufbahn: Thusneldaschule, Realgymnasium und über den Rest bitte den Mantel der christlichen Nächstenliebe. Träger des Kaufmannsgehilfenbriefs der Industrie- und Dunkelkammer nach einer denkwürdigen Lehre im Camerawerk Carl Braun in Muggnhuuf. Anschließend Zwangs-Studium des Kriegshandwerks teils in Schweinau, teils in Böblingen (eine Stadt, die ich seitdem sorgfältigst meide). Abitur im zarten Alter von 27 Jahren am Nürnberg-Kolleg (jetzt Hermann-Kesten-Kolleg). An Stelle des geplanten Germanistik-Studiums dann doch lieber Volontariat bei der Nürnberger Abendzeitung/8-Uhr-Blatt, beginnend am 1. April 1969. Dort in der Winklerstraße: Volontär (also Depp für alles), Gerichtsreporter, Nordbayernreporter, Ressortleiter Sport, stellvertretender Redaktionsleiter, Redaktionsleiter. Danach Rentner, aber immer noch für den Bayerischen Rundfunk, für die Nürnberger Zeitung und für den Straßenkreuzer arbeitend. Ungefähr 20 Bücher, zehn CD’s. Auszeichnungen, Preise etc.: Ja. Ganz wichtig: Seit 50 Jahren mit Inge (gleicher Nachname, früher Fleischmann) verheiratet, zwei Söhne, zwei Schwiegertöchter, vier Enkel. Lieblingsbeschäftigung: Eigentlich Sofa, wenn ich Zeit dafür hätte.

Mein Franken-Buch

Der fränkische Zweckpessimismus ist berühmt-berüchtigt, und niemand spürt ihn seit vielen Jahrzehnten so authentisch, unterhaltsam und sprachlich treffend nach wie Klaus Schamberger. In diesem Band vereint der Schriftsteller und Journalist sehr persönliche Beschreibungen seiner Heimat und seines Verhältnisses zu dieser ungewöhnlichen (Ur-)Kulturlandschaft, das stets zwischen liebevoll und distanziert oszilliert. Mein Frankenbuch zeigt aber vor allem auch die große Bandbreite von Schambergers Schaffen, seinen bitterbösen Sarkasmus und lakonischen Humor, seiner hintergründigen Art, das Besondere im Alltäglichen zu entdecken, und seiner Kunst, den Franken humorvoll den Spiegel vorzuhalten.

Ich bitte um Milde

Wenn exhibitionistische „Brunskartler“ Yucapalmen fluten und vom Frühschoppen beseelte Hausmänner in Festgänsen verschwinden, kann dies nur eines bedeuten: „Der Spezi“ ist wieder unterwegs! Seit Jahrzehnten lässt sich Klaus Schamberger von realen Gerichtsfällen aus der Region zu humoristischen Kabinettsstücken inspirieren. Seine bis 2012 unter dem Titel „Ich bitte um Milde“ in der Abendzeitung publizierte Reihe ist Kult. Nun legt der beliebte Kolumnist, Schriftsteller und Frankenkenner 60 neue Glossen vor, die unvergleichlich witzig, herrlich skurril und gewohnt lakonisch die charmanten Abgründe des Menschlichen offenbaren. Ein herausragendes Lesevergnügen!

Leseprobe: Der Heimatforscher

Wer behauptet, Jugendliche und Heranwachsende würden heutzutage nicht mehr lesen, hat keine Ahnung oder kommt wenig unter modisch gekleidete Menschen. Denn noch nie ist soviel gelesen worden wie heute. Und zwar auf Unterhemden. Unlesbare Unterhemden, beziehungsweise T-Shirts, gibt es überhaupt nicht mehr, alle sind mit teilweise gravierender Lektüre bedruckt. Unter den vielen Milliarden Aufschriften befinden sich so extrem bedenkenswerte Aphorismen wie etwa: „Bier formte diesen Körper“. Oder „Sauf mich schön!“,„I like Knöchelsulze“, „Das Leben ist kein Ponyhof“, „My Home is my Kassel“, „Durch Deutschland muss ein Rucksack gehen!“, „I like Muggenhof“. Oder ganz einfach, aber auch nicht schlecht: „Jack Wolfskin“.

Eine an das scheinbar ewige Überleben gemahnende Unterhemden-Aufschrift hat es jetzt infolge einer sich aus ihr ergebenden Diskussion sogar bis zur Würdigung durch ein Amtsgericht gebracht. Das vermutlich mit Hilfe von zehn Kästen Bier und unter langem, vollkommen hirnzellenfreiem Nachdenken ersonnene Druckwerk hat gelautet „Die BRD ist mir gleich, meine Heimat ist das Deutsche Reich“.

Träger dieses interessanten Unterhemdenplakats ist der Schriftenmaler Karlheinz H. gewesen, der an einem Samstag derart informativ an einer Supermarktkasse angestanden ist. Die Schlange vor der Kasse ist ziemlich lang gewesen, und so hat der hinter Herrn Karlheinz H. wartende Arnold B. viel Zeit gehabt, die in altgermanischer Runzelschrift gehaltene Inschrift in aller gebotenen Besonnenheit zu studieren. Schließlich hat er seinem Vordermann sanft auf die Schulter getippt: „Sie wern obber aa froh sei, wenn’S amol gschdorm sin, odder?“ Der Herr H. daraufhin: „Wos is?“ „Ner ja, weecher den Deutschen Reich, wou aff Ihrn Hemmerd draff steht. Wall des hodds ja aa scho lang wechbfiffn, des Deutsche Reich. Und wenn des Ihr Heimat is – nou sin’S ja erschd in Ihrer Heimat, wenn’S Ihnen auch wechbfeifd, odder?“ Sprachlich feinziseliert hat der geistige Bewohner des Deutschen Reichs geantwortet: „Hald dei Maul, Oorschluuch!“ Und hat zur Abrundung seines geistigen Höhenflugs noch hinzugefügt: „Solche Oorschlecher wie du sin fräihers nach Dachau kummer.“ Das Gespräch ist damit aber noch nicht beendet gewesen, denn der Arnold hat auf den Hinweis mit Dachau schon wieder eine dringende Frage gehabt: „Sin Sie gwiss aus Dachau?“

Die Antwort „Hald edzer endlich dei Maul, Oorschluuch!“ hat den Hintermann aber nicht vollständig zufrieden gestellt. „Edzer numol mid Ihrn Deutschen Reich“, hat er die am T-Shirt veröffentlichte Heimatfrage wieder aufgenommen, „Wos fiir a Reich maanern Sie eingli? Des von Karl dem Großen? Odder von Pippin dem Blöden? Odder maaner Sie Reichenschwand? Odder Unterreichenbach?“ Noch einmal hat der Schriftenmaler Karlheinz H. argumentativ alles gegeben: „Hald edzer dei Maul, Oorschluuch, hobbi gsachd!!“

Worauf der nach dem Ursprung des am Unterhemd verewigten Deutschen Reichs forschende Arnold B. unglücklicherweise ebenfalls zur schriftlichen Dokumantation seiner Meinung übergegangen ist: Mit einem Filzstift hat er ein paar Buchstaben auf ein geschwind dem Wühltisch entnommenes weißes Unterhemd gekritzelt und es dem Karlheinz H. hingehalten: „Sin’S suu gut und zieng’S des über Ihr Hemmerd driiber. Bevuur dass mer schlecht wird.“

Erst hat der Karlheinz das geschenkte T-Shirt mit den Worten „Lou mer mei Rouh, Oorschluuch!“ nicht annehmen wollen, es dann aber doch ausgebreitet und gelesen. In großen Buchstaben ist seine eventuelle ideologische Heimat draufgestanden: „Nazionalarschlochismus“.

Und jetzt hätte der Verfasser des Textes nicht nur wegen schriftlicher Beleidigung verurteilt werden sollen, sondern auch wegen des damals an der Supermarktkasse vorgeschlagenen Verwendungszweckes für das ursprüngliche T-Shirt. „Mit dem“, soll er zum Karlheinz gesagt haben, „kenner Sie sich in Zukumbfd weecher mir in Oorsch auswischn. Nou kummd Braun zu Braun.“ Das hohe Gericht wog aber die von beiden Seiten erhobenen Oorschluuch-Vorwürfe sorgfältig ab und sprach den Heimatforscher Arnold B. frei.

Leseprobe: Die Warnhose

Woher die Bläue des Blauen Montags ihre herkunftsmäßige Bezeichnung hat, ist sprachwissenschaftlich ungenügend erforscht. Hingegen ist die Bläue des Angeklagten Erich K., der an einem sehr frühen Montag sein Auto in ungewöhnlicher Bekleidung durch den Berufsverkehr gelenkt hat, juristisch und medizinisch exakt erforscht worden, bis auf zwei Stellen hinterm Komma. Fast hätte man schon von einem Koma sprechen können: 1,65 Promille, und zwar Restalkohol. Und auch die Herkunft der fröhlichen Beschwingtheit vom Erich ist bekannt gewesen – das Ehepaar K. hat am Sonntag im Kreis vieler Freunde und Verwandte seine Silberne Hochzeit gefeiert, ungefähr bis früh um drei Uhr.

In weiser Voraussicht hatte der silberne und letztlich tiefblaue Hochzeiter am darauffolgenden blauen Montag eigentlich blau machen wollen. „Obber mei Frau“, entschuldigte der Angeklagte jetzt vor Gericht seinen widerrechtlichen Fahreinsatz, „hodd ärwern mäin. Däi fängt um Siemer es Ärwern oo und is obber weecher unserer Silbernen Hochzeit erschd ummer Halberachder aufgwachd. Und walls weechern Zuspätkommer scho amol eine Abmahnung gräichd hodd, hodds mi ausn Bett rausg’haut – ich solls serfordd in die Ärwerd foohrn. Wall mei Frau hodd kann Führerschein.“

 Es hat also an diesem in mehrfacher Hinsicht blauen Montag im Vollrauschausschlafzimmer der Familie K. Alarmstufe I geherrscht. Der Erich drückte es in der Verhandlung jetzt so aus: „Ich bin rausdaumeld ausn Bett, hob mi aweng frisch machen wolln und wenigstens mein Dschogginganzuuch oozäing. Und nou brüllt mei Frau, dass scho Dreivärddlachter is und däi boor Kilometer konn i middn Schlafanzuuch aa foohrn.“ Also hat sich der Erich mit dem Schlafanzug hinters Steuer gesetzt. Allerdings nicht mit dem gesamten Schlafanzug. Er war nur in das in den fränkischen Freiheitsfarben rotweiß gestreifte, verhältnismäßig kurze Pyjamajäckchen gehüllt, und unten rum fränkisch noch viel freiheitlicher, nämlich nix. „Mir is aff aamol zwischer die Baaner ziemlich kalt worn, und nou hobbis gmerkt, dass i nachts scheints halmi nackerd gschloufn hob. Und suu binni in die Garaasch und ins Auto eigschdieng. Ich hob erschd widder umdreher wolln und hammfoohrn, obber meiner Frau hodds ja suu arch bressierd. Und außerdem, hodds gsachd, sichd mer des ja nedd vo außn, dass i ka Huusn oohob.“

Bis zum Arbeitsplatz ist die Unzuchtsfahrt gut gegangen. Aber während der Heimfahrt muss der Erich kurz einmal eingenickt sein. Und da ist es dann passiert: Auffahrunfall an einer Ampel auf das Auto der Zeugin Vera L. Trotz mehrfacher Aufforderungen seitens der sehr aufgebrachten Vera, auszusteigen und den Schaden an ihrem Auto zu betrachten, ist der Erich hartnäckig hinterm Steuer sitzen geblieben. Er könne beim besten Willen nicht aussteigen, habe er mehrfach gewinselt.

„Nocherdla“, äußerte sich Frau Vera L. „hobbi den sei Autotür aufgrissn. Nou is er rückwärts rausgrabbld, und nou hobbi gmaand, ich siech nedd richdich – reckt der mir sein nackerten Oorsch hii!! Ich wär ball ohnmächdich worn!“ Der Kurzauftritt mit entblößtem Hintern ist aber noch nicht der Höhepunkt gewesen. Wie die Vera den wieder ins Auto geflüchteten Erich durchs offene Seitenfenster angeschrien hat, dass er eine verkommene Drecksau ist und sich unverzüglich was anziehen soll, hat er im Handschuhfach gewühlt, aufgeregte Bewegungen vollführt und ist dann wieder im Freien erschienen: Unter seinem rotweiß gestreiften Schlafanzugjäckchen dieses Mal mit einer grellgelb strahlenden Warnweste bekleidet.

Und zwar dergestalt, dass er in die Ärmellöcher der Weste mit den Beinen hineingeschlüpft ist, dabei aber in der Aufregung vorn und hinten verwechselt hat, sodass die jetzt als eine Art Spielhöschen dienende Weste weit auseinanderklaffend dem Erich seine vordere Blöße deutlich sichtbar dargeboten hat. Sie, die Vera, habe im Lauf ihres Lebens schon viel gesehen, aber noch niemals früh kurz nach acht auf einer Straßenkreuzung eine wandelnde signalfarbene Warnhose mit integriertem Nothammer.

Kurz nach der interessanten Vorführung der neuen Strandmode ist die Polizei gekommen und hat den Erich erst in eine Decke gehüllt und dann zur Blutprobe gefahren. Die Nudistennummer in Strafeinheit mit der Bläue am Blauen Montag hat 14 Monate Führerscheinentzug gemacht und 1800 Euro Geldstrafe. „Derbei is doch Pflicht“, bfobferte der Erich nach, „dass mer ba einen Unfall eine Warnweste oozäichd. Ob oomer odder untn – dou schdäihd meines Wissens im Gesetz nix drinner.“

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