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Wohnbau und Umwelt

Wohnbau und Umwelt

Ein Spagat zwischen Wachstum und Bodenschutz.

Redaktion: Die Stadt wächst dynamisch und die Nachfrage nach Wohnraum ist schon jetzt riesengroß. Bis zum Jahr 2030 erhöht sich der Bedarf auf etwa 33.000 Wohneinheiten, wenn dem „Gutachten zum Stadtentwicklungskonzept Wohnen im Jahr 2025 in Nürnberg“ Glauben geschenkt werden kann. Ist für Sie die Umwelt in Gefahr?

Dr. Peter Pluschke: Natürlich sind mit der weiteren Siedlungsentwicklung Risiken für die Umwelt und die Menschen verbunden: Verzehr von Grünflächen und damit einhergehende Versiegelung, zunehmender Verkehr mit seinen Emissionen (Lärm und Luftbelastung), wachsender Nutzungsdruck auf verbliebene Freiräume – all das sind Risiken für die Umwelt. Wenn wir eine hohe Lebensqualität in unseren Städten sichern wollen, müssen wir mit den immer knapper werdenden Flächen geschickt und sorgsam umgehen.

Redaktion: Die Stadtentwicklung hat in den nächsten Jahren zwei große Herausforderungen zu bestehen: erstens, die weitere Innenentwicklung der Stadt und zweitens, die Neuausweisung von Wohnbauflächen, um dem großen Druck der Nachfrage Rechnung zu tragen. Wie stehen Sie als Umweltreferent zu den beiden Alternativen?

Dr. Peter Pluschke: Ich stehe zum Grundsatz, dass Innenentwicklung vor Neuausweisung von Bauflächen gehen muss – ungeachtet aller Schwierigkeiten, die eine weitere Verdichtung der Stadt auslöst: weitere Reduzierung des Baum- und Grünbestands, Lärmprobleme, Reduzierung der knappen Bewegungsräume für Kinder und Jugendliche in der Stadt. Nur durch die Steigerung der Qualität der verbleibenden innerstädtischen Freiräume können wir dies etwas kompensieren. Noch schwieriger wird aber die Bilanz, wenn wir großflächig weitere Landschafts- und Landwirtschaftsräume antasten. Deshalb sind wir als Umweltverwaltung in dieser Hinsicht auch durchaus bockbeinig und machen auch einer Firma Schultheiß nicht unbedingt Freude mit unseren Anforderungen. Bei alledem erkennen wir aber an, dass die Schaffung von Wohnraum erforderlich ist.

Hauseigene Schultheiß-Akademie für Fortbildungen und Schulungen

Redaktion: Wenn für Sie die Innenentwicklung eindeutig Vorrang hat, stellt sich die Frage, ob die im Innenbereich der Stadt lebenden Bürgerinnen und Bürger weniger Grün- und Freiraumflächen genießen können. Oder anders gefragt: Produziert die Innenentwicklung ein größeres Grün- und Freiraumdefizit? Das Beispiel des Geländes der ehemaligen Tucher-Brauerei am Schillerplatz ist doch eher bedenklich.

Dr. Peter Pluschke: Jedes Bauprojekt in der Innenstadt führt zu Einschränkungen. Nur fallweise lässt sich der Punkt bestimmen, ab dem eine Entwicklung bedenklich oder nicht mehr akzeptabel wird. Zwei Faktoren stehen für mich im Vordergrund: die Sicherung von grünen Bewegungsräumen, insbesondere auch für Kinder und Jugendliche sowie der Lärmschutz. Diese beiden Aspekte haben große gesundheitliche Bedeutung. Die Sicherung gesunder Lebensverhältnisse in der Stadt hängt ganz wesentlich davon ab. Auch Investoren können und müssen dazu beitragen, dass neue, verdichtete Wohnquartiere diesen Ansprüchen gerecht werden. Eigentlich erwarte ich mir da mehr Engagement als ich es in der Vergangenheit erlebt habe.

 

Stadtrat und Referent für Umwelt und Gesundheit

Redaktion: Die Stadt wird nicht darum herumkommen, die Neuausweisung von Wohnbauflächen zu forcieren, denn der gültige Flächennutzungsplan sieht das einerseits vor, andererseits lässt die Nachfragesituation der Stadt keinen Spielraum. Aber auch dem vielfältigen Wunsch großer Bevölkerungsteile nach Wohnen im Grünen wird sich die Stadt auf Dauer nicht verschließen können. Wie wird der Umweltreferent auf diese Entwicklung reagieren?

Dr. Peter Pluschke: Ich stelle mich nicht gegen aktuell anlaufenden Projekte, da diese ja bereits im Flächennutzungsplan verankert sind, was für uns, die Verwaltung, ja bereits als bindende Vorgabe zu sehen ist. Allerdings ringen wir zäh darum, dass diese Vorhaben planerisch so aufgestellt werden, dass sie im Hinblick auf stadtklimatische Aspekte und Optimierung unter energetischen Gesichtspunkten nachhaltig sind. Wir kämpfen schier um jeden Quadratmeter Grünfläche und unterstützen Konzepte zur Minimierung des Verkehrsaufkommens. Besonderes Augenmerk lag in den letzten Jahren auch auf der Lösung der Regenwasserentsorgung – gerade weil wir mit einem sich verändernden Regen-Regime im Zuge des Klimawandels rechnen müssen.

Redaktion: Bei der Entwicklung von Baugebieten fallen im Vergleich zum Einstandspreis nochmals etwa 90 Prozent dieses Preises für sämtliche Erschließungskosten an. Von diesen Erschließungskosten schlagen allein für umweltbedingte Maßnahmen (z.B. Ökoausgleichsflächen und deren Aufwertung, Artenschutzausgleichsmaßnahmen, Grünflächen, Kinderspielplätze und vieles mehr) Kosten in Höhe von rund 50 Prozent der Gesamterschließungskosten zu Buche. Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly hat im Jahr 2015 die Sorge zum Ausdruck gebracht, dass die Erschließung eines Baugebiets mittlerweile den Betrag von 200 Euro pro Quadratmeter überschritten hat. Jetzt liegen sie bereits mehr als das 1,5-fache drüber. Dabei nehmen die umweltrelevanten Kosten einen unverhältnismäßig hohen Anteil für die Steigerung ein. Macht der Umweltschutz das Bauen unerschwinglich?

Dr. Peter Pluschke: Ein bisschen genauer sollte man diese Aussagen doch betrachten: Kinderspielplätze und Bewegungsräume für Jugendliche sind keine umweltbedingten Kosten. Wenn wir eine sozial funktionierende Stadt haben wollen, dann muss jedes Wohnquartier über eine vernünftige Ausstattung an solchen Flächen verfügen. Gegenüber dem technischen Erschließungsaufwand stellen sich Ausgleichsbedarfe im Rahmen von Natur- und Artenschutz in aller Regel höchst bescheiden dar. Lebensqualität und nachhaltige Stadtentwicklung lassen sich nicht gegen die Umwelt darstellen, sondern nur in einem wohl abgewogenen Einklang mit Natur und Umwelt. Das erfordert sicherlich finanziellen Aufwand, ich bestreite aber, dass die Umweltkosten aktuell die entscheidenden Treiber der Immobilienpreise sind. Dahinter stecken Marktmechanismen, die nicht durch Umweltanforderungen geprägt sind.

Redaktion: Herr Dr. Pluschke, wir bedanken uns für das informative Gespräch mit Ihnen.

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